Ghetto Ebraico Trieste

Das Ghetto Ebraico hat einen ganz besonderen Flair und eine enorm spannende Geschichte. Im Deutschen ist das Wort „Ghetto“ nicht sehr positiv besetzt. Im Triestinischen ist das durchaus anders, wenngleich das Ghetto Ebraico auch eine beklemmende Geschichte hatte. Aber nochmal zurück zum Triestinischen: Der Ausdruck „far gheto“ meint Lärm und Verwirrung zu stiften. Und wenn man sich den Wirbel früherer (und zT auch heutiger) Zeiten in diesen engen, z.T. verwinkelten Gassen zu Handelszeiten vorstellt, ist „far gheto“ mE gut nachvollziehbar 🙂

Portizza an der Piazza Borsa

Portizza

Ihr könnt z.B. an der Piazza Borsa durch das Tor (Portizza) links von der Bar Portizza starten. Dann schlendert ihr den Passo di Portizza zwischen den ganz engen Häusern hindurch und seid ihr schon mitten drin! Geradeaus die Via del Ponte, quer vor euch die Via delle Beccherie. Und mehr zu den weiteren Straßen im Viertel findet ihr weiter unten.


Die Portizza war eines der Tore der Stadtmauer. An deren Stelle stehen heute die Gebäude zwischen der Piazza Borsa und dem Rathaus. Über dem Tor seht ihr einen Herkuleskopf. Er soll an die Panduri erinnern, die Soldaten der Habsburgischen Armee im 17./18. Jahrhundert, die die Militärgrenze gegen die türkische Armee verteidigten.

Auf dem Plan aus dem Jahr 1718 seht ihr die Stadtmauern. Links davon sind die Salinenfelder, die ab 1749 trockengelegt wurden und auf denen sukzessive Borgo Theresiano erbaut wurde, eingezeichnet. San Giusto war übrigens nicht innerhalb der Stadtmauer, wie man eigentlich annehmen möchte.

Scan: heied, Public domain, via Wikimedia Commons

Ein kurzer Überblick über das Ghetto Ebraico im Stadplan

Via del Ponte, Triest, Friuli Venezia Giulia, Italy

Via delle Beccherie, Triest, Friuli Venezia Giulia, Italy

Via Malcanton, Triest, Friuli Venezia Giulia, Italy

Eissalon Marco, Via Malcanton

Via Malcanton, Triest, Friuli Venezia Giulia, Italy

Buchstände von Vittorio Di Pinto

Via del Rosario, Triest, Friuli Venezia Giulia, Italy

Piazza Vecchia, Triest, Friuli Venezia Giulia, Italy

Tor Bandera

Passo della Portizza

Ghetto Ebraico – ein historischer Überblick

Ende des 17. Jahrhunderts forderten die Stadtbehörden den Bau eines jüdischen Ghettos in den Vororten von Triest. Dieses wurde schließlich am Corte Trauner (vorerst) umgesetzt wurde. Es folgten Proteste der jüdischen Gemeinde, weil das Ghetto zu weit vom Handelzentrum entfernt war. Schließlich erließ Kaiser Leopold I. am 28. November 1696, dass das Jüdische Ghetto zum Handelszentrum von Triest, Riborgo, verlegt wird.

Das jüdische Viertel entstand zwischen:

  • Riborgo (Handelszentrum)
  • Via Beccherie .
    Sie ist eine der ältesten Straßen der Stadt! Sie ist mit einigen Quergassen wie der Via delle Ombrelle und der Via del Pane verbunden.
  • Via Malcanton.
    In der Via Malcanton befand sich bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts (1753) ein Teil der antiken Stadtmauer, die um´s Eck ging. Dieses Eck wurde umgangssprachlich „Kanton“ genannt. Die Mauer war hier schon recht verfallen und leicht zu überwinden. So entwickelte sie sich zu einem Treffpunkt für Kriminelle und wurde von den Menschen gemieden. Warum? Die Wahrscheinlichkeit, hier nachts ausgeraubt zu werden, war sehr groß. So wurde aus dem „Kanton“ schnell „Malcanton“ („mal“ bedeutet krank, schlecht).

Rund 100 Personen aus der jüdischen Gemeinde übersiedelten also 1696 in das neue Ghetto als Pflichtresidenz. Es von hohen Mauern mit drei Toren umgeben, die Tag und Nacht bewacht wurden:

  • Riborgo (Portizza)
  • Piazza del Rosario
  • Via Beccherie zur heutigen Questura hin

Die weitere Entwicklung des jüdischen Viertels

Im Zentrum des jüdischen Viertels entstanden zahlreiche jüdische Schulen. 1748 wurde die erste Gemeindesynagoge gebaut, die Scola Piccola. Bei einem Brand 1821 wurde sie zerstört, 1825 größer wieder aufgebaut und 1937 endgültig zerstört.

Einige Gegenstände aus den Synagogen könnt ihr heute im Museo ebraico von Carlo und Vera Wagner in der Via del Monte 7 begutachten. Hier könnt ihr auch näher in die jüdische Geschichte Triests einsteigen – sehr empfehlenswert! Das Museum ist Montag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag vormittags zwischen 10.00 und 13.00 Uhr geöffnet. Ebenso Dienstag nachmittags von 16.00 bis 19.00 Uhr, aber samstags und sonntags sowie an jüdischen Feiertagen geschlossen.

Wir ihr wahrscheinlich wisst, begann der große Aufschwung Triests mit der Proklamation des Freihafens von Triest im Jahr 1719 durch Karl VI. von Habsburg. Sie brachte neue Privilegien und Freiheiten für alle, so auch für die immer größer werdende jüdische Gemeinde.

1781/82 stellte Kaiser Joseph II. das Toleranzpatent aus, das den Jüd*innen bereits mehr Freiheiten als während der Zeit des Ghettos verschaffte. Endgültig abgeschafft wurde das Ghetto dann 1785. Trotzdem blieben die meisten Jüd*innen im Ghetto und bauten dieses weiter aus. So wurden zwei weitere Synagogen 1797 im selben Gebäude in höheren Stockwerken gebaut: die Scola Grande und die Scola Spagnola. Im Jahr 1805 wurde die vierte Synagoge – die Scola Vivante – in der Via del Monte außerhalb des Ghettos eröffnet.

Via del Ponte

Wenn ihr vom Passo di Portizza weiter gerade aus geht, seid ihr in der Via del Ponte. Sie ist heute eine lebhafte enge und kurze Straße mit zahlreichen Lokalen mit lokaler Küche, Bier, Sushi, Piedina, u.v.m.

Warum heißt die Gasse „Brücke“, wo doch weit und breit keine Notwendigkeit für eine Brücke zu sehen ist?

HEUTE ist hier keine Brücke mehr zu sehen, aber bis Mitte des 18. Jahrhunderts gab es hier einen kleinen Kanal vom Meer durch die Via del Ponte bis zur Piazza Vecchia.

Die Piazza Vecchia war damals ein Marktplatz, bis zu dem die Händler ihre Waren über den Canale mit den Booten anliefern konnten. Der Canale ist als Canale Portizza, Canale Piccolo und auch Canale del vino bekannt. Über dem Canale gab es zwei Brücken: auf der einen Brücke mit der Statue von San Giovanni Nepomuceno, auf der zweiten mit der Statue von San Floriano.

1749 wurde der Canale zwischen der Piazza Vecchia und Portizza zugeschüttet. In Vorbereitung auf den Bau des Palazzo della Borsa 1798 wurde ein weiterer Teil bis 24 Meter vor dem Meer zugeschüttet, die letzten Meter dann 1818.

Zur Erinnerung an den Canale Piccolo wurde der Straßenteil, der rechts vom Palazzo della Borsa Vecchia als Verlängerung vom Corso Italia zum Meer führt und durch den der Canale verlief, nach dem Canale Piccolo benannt:-)

Und wenn ihr auf der Karte unten genau schaut, dann seht ihr den 24 Meter langen Canal noch – und im Vergleich zum Canal Grande ist er ja wirklich piccolo 😉
(Hinweis: links vom Molo)

Unknown authorUnknown author, Public domain, via Wikimedia Commons

Ein möglicher Rundgang durch das Ghetto Ebraico

Ihr könnt euren Rundgang am Ende der Via del Ponte nach rechts fortsetzen. Dann seht ihr links neben der Kirche Chiesa della Beata Vergine del Rosario die Buchstände von Vittorio di Pinto. Rechts gehen die Via del Pane und die Via delle Ombrelle in Richtung Beccherie. Wenn ihr aber die Via del Rettorni weitergeht bis zum Malcanton, dann kommt ihr beim einem tollen Antiquariat vorbei! Die Rigatteria Di Laura & Claudio Di Pinto ist super zum störbern – echt ein Erlebnis!

Chiesa della Beata Vergine del Rosario

Bereits von 1631 bis 1635 wurde hier eine Kapelle errichtet. Sie ist der Madonna del Rosario gewidmet und war auch Sitz der gleichnamigen Bruderschaft. 1651 wurde sie für Gottesdienste geöffnet und geweiht. Mehr als 100 Jahre später, 1784, wurde sie aufgrund der Gesetze von Josef II. geschlossen und ein Jahr später an eine evangelische Gemeinde verkauft. Doch knapp ein Jahrhundert später, 1869, kaufe die Gemeinde Triest die Kapelle wieder zurück, nachdem die städtische Kapelle abgerisssen wurde. Die Gemeinde eröffnete die neuerlich katholische Kapelle 2 Jahre später feierlich wieder.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde ein Altar zum Gedenken an die Vermissten aller Kriege errichtet. Dieser wurde 1962 von Bischof Antonio Santin, den wir bereits aus der Historie der Kirche Monte Grisa kennen, gesegnet.

Wenn ihr euch über Gottesdienste informieren wollte, findet ihr nähere Infos hier. Spannend finde ich, dass die Liturgie nach dem alten Ritus gefeiert wird. Die Musik spielt hierbei eine zentrale Rolle und ist ein wesentlicher und notwendiger Bestandteil. So gibt es seit 2009 einen Chor, der ursprünglich ein reiner Männerchor, nun aber gemischt ist, die Cappella Musicale Beata Vergine del Rosario.

Via del Pane

Dieser Name eröffnet uns ein wenig anschauliche Geschichte: Die Pancogole, die Frauen von Servola, verkauften früher hier ihr selbst gebackenes Brot.

Via delle Ombrelle

Die Via delle Ombrelle ist, wie die Via del pane, eine Verbindungsgasse zwischen der Via Beccherie zur Piazza Vecchia. Und auch dieser Name eröffnet uns anschauliche Geschichte. Hier betrieb Giacomo Malgarini aus Brescia früher einen Laden zur Reparatur von Regenschirmen.

Via delle Beccherie

Via delle Beccherie Richtung Malcanton

Sie ist eine der ältesten Straßen Triests und lag direkt innerhalb der damaligen Stadtmauer. Mitte des 18. Jahrhunderts (1754) fand die Straße ihren Namen. Nämlich als in der Nähe ein neues Schlachthaus gebaut wurde – die Verkäufe fanden dann in der Via delle Beccherie statt. Das Wort Beccherie entstand aus dem venezianischen Dialekt und leitete sich von beco ab: Männchen der Ziege.

Wenn ihr an der Via del Beccherie 3 seid, haltet kurz Ausschau: es wurde 1789 erbaut und zeigt das Wappen der Patrizierfamilie Dell’Argento. Sie war eine von dreizehn alten Adelsfamilien von Triest. Heute ist das Gebäude verfallen, soll aber renoviert werden. Hätte ich die Möglichkeiten, ich würde mich dieses Hauses annehmen 😉

Damals war die Via delle Beccherie länger als heute und reichte bis zum heutigen Largo Riborgo, dem Platz auf der linken Seite des Backsteingeäudes links vom Teatro Romano. Der damalige Plan war, große Teile der Altstadt, der Cittavecchia, zu schleifen und neu aufzubauen, um Platz zu schaffen und z.B. mit der Via del Teatro eine neue Verkehrsader zu schaffen.

Das Ghetto Ebraico seit der Zwischenkriegszeit

Questura Trieste

So wurden 1934 auch die Gebäude, die vor dem Bau der Casa del Fascio hier standen, abgerissen. Die Casa del Fascio hat übrgens keine schöne Geschichte. Sie wurde als damaliger Parteisitz geplant, war nach dem Krieg Sitz des Kommandos der Alliierten Militärregierung und dient seit 1954, als Triest wieder italienisch wurde, als Questura (Polizeipräsidium). Den ersten Stein für die Casa del Fascio legte 1938 übrigens Benito Mussolini. Im selben Jahr auch für die Universität, die ebenfalls ein faschistischer Bau ist.

Beim Abriss der Gebäude wurde dann auch das Teatro Romano aus der Zeit von Kaiser Augustus entdeckt, aber dazu folgt ein eigener Beitrag 😉