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El Pedocìn: Das Bad mit der Mauer in Triest

Es ist eine dieser Szenen, die jeden Sommer aufs Neue für Schlagzeilen sorgen, diesmal mit besonderem Knall. Am Samstag, dem 20. Juni 2026, eskalierte am Strandbad „Alla Lanterna“ in Triest, von allen liebevoll „El Pedocìn“ genannt, ein Streit zwischen einer Touristin und einer Einheimischen. Was als freundlicher Hinweis begann, endete in Schubsereien, einem Shitstorm und einer Grundsatzdebatte über die Frage: Ist die Geschlechtertrennung an diesem Bad rückständiges „Mittelalter“, oder gelebte Triestiner Tradition? Wir haben eine klare Meinung und nehmen dich mit auf unsere Recherche zu diesem außergewöhnlichen Bad.

Pedocìn auf einen Blick

  • Offizieller Name: Bagno Alla Lanterna, im Dialekt „El Pedocìn“
  • Lage: Molo Fratelli Bandiera, wenige Gehminuten vom Stadtzentrum
  • Eintritt: 1,20 € (Stand 2026)
  • Saison: Mitte Mai bis Ende September, ganzjährig für die Heliotherapie
  • Besonderheit: getrennte Bereiche für Frauen und Männer, geteilt durch eine 3 m hohe und 74 m lange Mauer

Was am Pedocìn passiert ist

Eine triestinische Badegästin, eine Frau um die fünfzig, hatte einem Touristenpaar freundlich erklärt, dass im Bad laut Hausordnung und historischer Tradition Männer und Frauen getrennt baden. Pikant: Die Triestinerin selbst befand sich im Männerbereich, weil sie gemeinsam mit ihrem Mann ihren behinderten Sohn begleitete, eine ausdrückliche Ausnahme der Hausordnung.

Die Reaktion fiel heftig aus. „Diese Trennung zwischen Männern und Frauen ist eine absurde, mittelalterliche Sitte“, soll die sichtlich aufgebrachte Touristin gerufen haben. „Schämt euch! Ihr seid keine Italiener, ihr seid rückständig, Mittelalter!“ Aus dem Wortgefecht wurde ein handfester Streit mit Schubsereien, bei dem sogar eine Angestellte des Bades gestoßen wurde, ehe das Paar das Bad verließ. Und zwar nicht, ohne vorher noch die Rückerstattung des Eintrittsgeldes, das aktuell gerade mal 1,20 EUR pro Person beträgt, zu verlangen😉

Mittelalter oder gelebte Tradition?

„Mittelalter!“

Die Sicht der empörten Touristin: Eine Geschlechtertrennung am Strand sei rückständig, absurd und längst überholt.

Gelebte Tradition

Die Sicht der Triestinerinnen: eine frei gewählte Tradition, die ungestörtes Entspannen ermöglicht, kein Zwang, sondern ein Stück Selbstbestimmung.

Kein Mittelalter, sondern Habsburg

Und genau hier liegt das Missverständnis. Was die Touristin als „Mittelalter“ abtat, ist in Wahrheit gelebte Triestiner Tradition und keineswegs ein Relikt finsterer Zeiten. Das Pedocìn ist das letzte Strandbad Italiens und wohl auch Europas, in dem eine Mauer den Männer- vom Frauenbereich trennt, eine Regel, die auf die Habsburger-Zeit zurückgeht.

Tatsächlich rührte die Geschlechtertrennung damals aus der österreichischen Gesetzgebung her, die Handlungen „gegen die öffentliche Sittlichkeit“ streng ahndete. Getrennte Strände waren seinerzeit in weiten Teilen Europas verbreitet, besonders in Deutschland und im Norden. Mit dem Mittelalter, das gut vierhundert Jahre früher endete, hat das also nichts zu tun.

Die Geschichte des Bades

Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie tief diese Tradition verwurzelt ist. Das „Bagno Popolare Alla Lanterna“ wurde 1903 von der Stadt Trieste eröffnet, hinter dem Molo Santa Teresa, dem heutigen Molo Fratelli Bandiera. Es war das erste öffentliche Volksbad der Stadt, gedacht für die ärmeren Bürger, die sich den Weg an entlegenere Strände nicht leisten konnten.

Den offiziellen Namen verdankt das Bad dem nahen Leuchtturm, der „Lanterna“, die bereits 1832 auf dem Mole stand. Der Dialekt-Spitzname „Pedocìn“, auf Triestinisch „kleine Laus“, hat mehrere Deutungen: Vielleicht rührt er vom dichten Gedränge der Badegäste her, die wie Miesmuscheln (auf Triestinisch „pedoci“) aneinanderkleben, vielleicht daher, dass sich hier einst die Soldaten von Kaiser Franz Joseph entlausten. Anfangs war die Trennung nur durch einen einfachen Holzzaun markiert. In den 1930er-Jahren wich das Holz dem Beton, und es entstand die berühmte Mauer, die das Bad bis heute teilt.

Blick auf das Triestiner Strandbad El Pedocìn (Bagno alla Lanterna) mit dem Leuchtturm La Lanterna

Diese weiße Mauer ist drei Meter hoch und 74 Meter lang und reicht bis ins Wasser hinein. Nur dort, wo sie endet, dürfen sich die Geschlechter begegnen. Dass sie steht, ist kein Zufall der Trägheit. Mehrfach wurde über einen Abriss diskutiert: 1943 machte die Zeitung Il Piccolo eine wirtschaftliche Frage daraus, später gab es eine informelle Bürgerbefragung. Das Ergebnis war jedes Mal eindeutig: Die Triestiner*innen, allen voran zahlreiche Frauen, wollten die Mauer behalten. Nur ein einziges Mal, 1959, wurde sie tatsächlich abgerissen, um sofort einige Meter versetzt wieder aufgebaut zu werden. Seither ist der Frauenbereich größer, weil die Frauen, oft mit Kindern, die treuesten Gäste sind.

Die wichtigsten Jahre im Überblick

  • 1832: Der Leuchtturm La Lanterna entsteht auf der Mole
  • 1903: Eröffnung des Volksbads Bagno alla Lanterna
  • 1930er: Aus dem Holzzaun wird die berühmte Betonmauer
  • 1959: Die Mauer wird abgerissen und versetzt neu errichtet
  • 2009: Restaurierung im ursprünglichen Weiß-Azur

Freiheit statt Zwang

Der Grund für diese Treue ist erfrischend modern. Im Frauenbereich kann man oben ohne sonnenbaden, fernab maliziöser Blicke, sich in Ruhe entspannen und sich ungestört mit den Freundinnen unterhalten. Hier ist die Trennung also keine auferlegte Schranke, sondern eine frei gewählte Tradition. Einen Unterschied, den viele Triestiner*innen im Netz prompt betonten, indem sie sie von erzwungenen Geschlechtertrennungen anderswo abgrenzten.

Es ist eben nur ein Bad mit Mauer inmitten eines Angebots zahlreicher gemischter Strände. Wer es nicht mag, geht ein paar Schritte weiter zum benachbarten Bagno Ausonia, das ganz ohne Trennung auskommt.

„Über die Geschichte und die Besonderheiten meines Trieste wird nicht diskutiert.“

Roberto Dipiazza, Bürgermeister von Triest

Der Pedocìn heute

Heute ist der Pedocìn weit mehr als ein Strandbad, er ist ein Identitätssymbol. Der Eintritt kostet symbolische 1,20 Euro, in der Hochsaison zählt das Bad bis zu rund 2.500 bis 3.000 Eintritte täglich, und es bleibt ganzjährig für die beliebte „Elioterapia“, die Heliotherapie, geöffnet. Inzwischen ist es barrierefrei und nahm 2009 bei einer Restaurierung wieder sein ursprüngliches Weiß-Azur an.

Der Pedocìn in Zahlen

eröffnet
lange Mauer
Eintritt
Gäste pro Tag

Wer Triest besucht, sollte den Pedocìn also nicht als kuriose Verirrung belächeln, sondern als das verstehen, was er ist: ein lebendiges Stück Stadtgeschichte, in dem sich Habsburger Erbe, Triestiner Eigensinn und, ja, ein gutes Stück weiblicher Selbstbestimmung treffen. Das ist nicht Mittelalter. Das ist Triest.

Häufige Fragen zum Pedocìn

Die Trennung geht auf die Habsburger-Zeit zurück, als getrennte Strände in weiten Teilen Europas üblich waren. Heute wird sie vor allem von den Stammgästinnen verteidigt, weil sie im Frauenbereich ungestört entspannen können. Es ist also keine erzwungene, sondern eine bewusst erhaltene Tradition.

Beides bezeichnet dasselbe Bad. „Alla Lanterna“ ist der offizielle Name, nach dem nahen Leuchtturm, „Pedocìn“ der liebevolle Dialekt-Spitzname. Das benachbarte, gemischte Bad heißt dagegen Ausonia und ist ein eigenständiger Strand.

Der Pedocìn liegt zentral am Molo Fratelli Bandiera, wenige Gehminuten vom Stadtzentrum. Der Eintritt kostet symbolische 1,20 Euro (Stand 2026). Gebadet wird offiziell von Mitte Mai bis Ende September, ganzjährig ist das Bad für die Heliotherapie geöffnet.

Im Wasser am Ende der Mauer ja: Dort, wo die Mauer endet, dürfen sich Männer und Frauen begegnen. An Land bleiben die beiden Bereiche getrennt. Wer das Bad als Paar besucht, weiß das in der Regel und trifft sich an den Bojen im Meer.

Mich fasziniert genau diese Mischung aus Sturheit und Charme, die Triest so unverwechselbar macht. Wenn du das nächste Mal hier bist, schau ruhig hinter die Mauer, aber mit Respekt vor einer Tradition, die die Triestinerinnen selbst gewählt haben.

Tanti saluti, Isabella 🙂

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