Der Papst in Triest – und warum die Sozialwochen der Katholiken in Italien WIRKLICH einen Besuch wert sind
Papst Franziskus in Triest
Der Besuch zur 50. Sozialwoche der Katholiken am 7. Juli 2024, ein historischer Moment für die Stadt.
In Erinnerung
Papst Franziskus ist am 21. April 2025 verstorben. Sein Besuch in Triest am 7. Juli 2024 war einer seiner letzten großen öffentlichen Auftritte in Italien außerhalb des Vatikans und ein Moment, an den sich die Stadt lange erinnern wird.
Steckbrief auf einen Blick
Anlass
50. Sozialwoche der Katholiken
Datum
3. bis 7. Juli 2024
Tradition
seit 1907
Fokus 2024
Demokratie und Migration
Die Sozialwochen der Katholiken in Italien gibt es seit 1907 und dienen insbesondere dem Dialog und Lösungen zu sozialen Fragen. Der Fokus der 50. Sozialwoche im Juli 2024 lag auf Im Herzen der Demokratie. Engagement zwischen Geschichte und Zukunft. Dass diese Sozialwoche in Triest stattfand, hat sich Papst Franziskus angeblich ausdrücklich gewünscht.
Was ist die Sozialwoche der Katholiken?
Die Sozialwoche entstand 1907, um die Prinzipien der christlichen Soziallehre in die Praxis umzusetzen und um eine Plattform für den Dialog und die Reflexion über soziale Fragen zu bieten. Es geht darum, das Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit zu schärfen und konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen zu fördern. So kommen Menschen aus verschiedenen Bereichen zusammen, um gemeinsam Lösungen für die sozialen Probleme unserer Zeit zu finden.
Vom 3. bis 7. Juli 2024 fand die 50. Sozialwoche in Triest statt, mit dem Fokus auf Demokratie als Lebensweise, basierend auf Solidarität, Gerechtigkeit und Teilhabe. Eröffnet wurde sie am 3. Juli vom italienischen Präsidenten Sergio Mattarella, abgeschlossen am 7. Juli mit der Messe von Papst Franziskus.
Warum Triest?
Triest als Ort für Diskussion und Arbeit an diesem Thema zu wählen, zeigt Weitsicht. Ein Schwerpunkt der Sozialwoche lag auf Migration, und Triest ist schon historisch multikulturell, sprachlich, religiös und kulturell. Die Stadt liegt an der Schnittstelle zwischen Italien, Mitteleuropa und dem Balkan, sie ist seit über 300 Jahren Hafenstadt und Schmelztiegel.
Papst Franziskus erzählte beim Besuch eine persönliche Geschichte. Das erste Mal hörte er von Triest von seinem Großvater, der im Ersten Weltkrieg am Piave gegen Österreich kämpfte. Sein Großvater brachte ihm viele Lieder bei, darunter eines über das Scheitern des italienischen Generals Cadorna an den österreichischen Verteidigern hier in Triest, mit dem berühmten Satz: Wenn die Königin Triest sehen möchte, dann könne er ihr eine Postkarte schicken.
Wie aktuell das Thema Migration in Triest ist, zeigen die Zahlen: Laut Berechnungen der katholischen Kirche kamen im Jahr 2023 rund 15.000 Menschen auf der Flucht in Triest an, 20 Prozent davon unbegleitete Minderjährige. Triest ist damit nicht nur historisch, sondern auch ganz aktuell ein Knotenpunkt der Balkanroute.
Die wichtigsten Botschaften von Papst Franziskus
Bei der Partizipation gehe es darum, sich um alles zu kümmern, nicht nur um Wohltätigkeit, sagte er. Wohlfahrt sei der Feind der Demokratie und der Nächstenliebe. Avanti, avanti, sagte er, ohne Angst, offen und fest in den menschlichen und christlichen Werten, einladend, aber ohne Kompromisse bei der Menschenwürde. Mit der Menschenwürde spielt man nicht.
Die Aufgabe des Politikers sei es, Hoffnung und Frieden zu organisieren. Zum Konsumismus stellte Papst Franziskus die Frage: Ist er in euer Herz eingedrungen, als Krebs, als Wunde, die dich zum Egoisten macht?
Triest ist eine dieser Städte, deren Aufgabe es ist, unterschiedliche Menschen zusammenzubringen. Vor allem, weil sie ein wichtiger Hafen ist, und weil sie an der Schnittstelle zwischen Italien, Mitteleuropa und dem Balkan liegt.
— Papst Franziskus, 7. Juli 2024 in Triest
Das Programm vom 7. Juli 2024
- 06:30 Uhr Abflug vom Heliport des Vatikans mit dem Helikopter
- 08:01 Uhr Ankunft beim Generali Convention Center im Alten Hafen, Begrüßung durch Präfekt Pietro Signoriello, Region-Präsident Massimiliano Fedriga, Bürgermeister Roberto Dipiazza, Bischof von Triest Enrico Trevisi und Vorsitzenden der Italienischen Bischofskonferenz Matteo Zuppi
- 08:30 Uhr Rede an die Delegierten der 50. Sozialwoche
- 09:30 Uhr Ankunft auf der Piazza Unità d’Italia
- 11:00 Uhr Predigt von Papst Franziskus mit dem Kernsatz Wir brauchen den Skandal des Glaubens
- 12:15 Uhr Rückflug mit dem Helikopter vom ehemaligen Wasserflughafen im Alten Hafen in den Vatikan
Eindrücke und Initiativen der Sozialwoche
Die Sozialwoche ist nicht nur Reden und Predigten, sondern auch ein Schaufenster für gelebte Initiativen aus ganz Italien. Drei davon sind uns besonders im Kopf geblieben.
imMIschiati: Mach mit, misch dich ein
Die Betonung liegt auf dem MI in der Mitte und bedeutet so viel wie Mach mit, misch dich ein. Die Grundbotschaft: Das Leben nicht vom Balkon aus beobachten, sondern mitgestalten, sich einmischen, sich für Themen interessieren und partizipieren. Man mag katholisch, anders oder gar nicht gläubig sein, wir finden, die Botschaft gilt unabhängig von jeder Religion: selbst Verantwortung übernehmen, die Schuld nicht auf andere schieben und sich einbringen für eine bessere Welt. imMIschiati hat dazu sogar ein kostenloses E-Learning entwickelt, wer Italienisch kann, kann sich einschreiben und neue Perspektiven gewinnen.
Ein überdimensionales Tischtuch aus 1.000 Quadraten
Vertreter*innen der Diözese Triest hatten gut 1.000 Stoff-Quadrate zugeschnitten. Jede*r konnte auf einem Stück Stoff eine kraftvolle, positive Botschaft hinterlassen. Die Quadrate werden danach zu einer überdimensionalen Tischdecke zusammengenäht, die voller Kraft für ein Wohlfahrtsessen dienen wird. Eine berührende Aktion, die zeigt, was passiert, wenn viele kleine Beiträge zusammenkommen.
Sermig aus Turin: Wasserreiniger auf Rädern
Besonders beeindruckt hat uns Sermig aus Turin. Nicht nur die Geschichte dieser Initiative ist extrem spannend, sie beginnt in einer ehemaligen Waffenfabrik, sondern auch die Ideen, wie Menschen unterstützt werden können. Für Bangladesch wurde eine Konstruktion für Fahrräder entwickelt, die als Wasserreiniger zur Filterung von Schwermetallen eingesetzt werden kann. In Südindien und Bangladesch ist das Wasser oft mit Arsen verunreinigt, hier hilft die Erfindung ganz konkret.
Baskin: inklusiver Sport mit zehn Regeln
Auch Baskin hat uns nachhaltig beeindruckt. Angelehnt an Basketball gibt es zehn Regeln, die inklusiven Sport ermöglichen. Es ist wohl die erste wirklich integrative Sportart, in der Menschen mit verschiedenen Arten von Behinderungen, Frauen und Menschen jeden Alters zwischen 14 und 79 Jahren zusammen spielen können. Bei der Sozialwoche sogar mit ehemaligen Spielern der Serie A. Sport als Brücke, das funktioniert hier wirklich.
Häufige Fragen
Wann war Papst Franziskus in Triest?
Am 7. Juli 2024, dem letzten Tag der 50. Sozialwoche der Katholiken in Italien. Er kam um 8 Uhr morgens per Helikopter, hielt die Messe um 10 Uhr auf der Piazza Unità und flog am Mittag zurück nach Rom. Es war einer seiner letzten großen öffentlichen Auftritte in Italien außerhalb des Vatikans, denn er verstarb am 21. April 2025.
Was ist die Sozialwoche der Katholiken?
Eine Veranstaltungsreihe der italienischen katholischen Kirche seit 1907. Sie versammelt Gläubige, Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen, um sich mit aktuellen sozialen Fragen zu beschäftigen. Die 50. Sozialwoche 2024 in Triest hatte Demokratie und Migration als Hauptthemen.
Warum hat Papst Franziskus Triest als Ort gewählt?
Die Stadt liegt an der Schnittstelle zwischen Italien, Mitteleuropa und dem Balkan und hat eine 300-jährige Geschichte als multikulturelle Hafenstadt. Migration ist hier nicht abstrakt, sondern Teil des Alltags. Außerdem hatte der Papst eine persönliche Verbindung über seinen Großvater, der im Ersten Weltkrieg in der Region gekämpft hatte.
Wo kann man die Messe heute noch sehen?
Aufzeichnungen der Messe gibt es auf YouTube über den offiziellen Kanal von Vatican News, sowie auf der Website der italienischen Bischofskonferenz (CEI). Die Predigt ist auch in vielen italienischen Tageszeitungen wie La Repubblica und Il Piccolo dokumentiert.
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