Mit der Tram di Opicina auf Zeitreise
Mit der Tram di Opicina auf Zeitreise
Seit 1902 verbindet eine technische Wunderkonstruktion Triest mit dem Karst. 5,2 Kilometer, 26 Prozent Steigung, 329 Höhenmeter, ein Stück Verkehrsgeschichte.
✅ Status August 2026
Die Tram fährt wieder
Seit 20. Juli 2026 fährt die Linie 2 wieder. Nach dem Seilriss vom 12. Oktober 2025 hat Trieste Trasporti gleich die ohnehin fällige Revision mitgemacht: neues Zugseil, neue Oberleitung, neue Schienen zwischen Piazza Dalmazia und Casali, überholte Standseilbahn-Mechanik. In Triest startet die Tram vorerst an der Piazza Dalmazia, sie fährt alle 28 Minuten, und neu ist eine Auslastungsgrenze: Alle Sitzplätze dürfen besetzt werden, im Mittelgang stehen ist nicht mehr erlaubt. Den aktuellen Fahrplan gibt es bei Trieste Trasporti.
Steckbrief auf einen Blick
Eröffnet
9. September 1902
Strecke
5,175 km
Steigung
bis 26 %
Höhe Opicina
329 m ü. NN
Die Tram di Opicina ist nicht einfach eine Straßenbahn. Sie ist eine einzigartige Kombination aus Straßenbahn und Standseilbahn, eine technische Wunderkonstruktion aus dem Jahr 1902, die Triest mit dem Karstplateau verbindet. Die Fahrt dauert gut eine halbe Stunde, fühlt sich aber an wie eine Zeitreise. Wir lieben diese Bahn.
Warum die Tram di Opicina so besonders ist
Über 5,175 km und mit einer maximalen Steigung von 26 Prozent führt die heutige Schmalspurbahn hinauf nach Opicina, das 329 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Die Bahn ist dabei eine einzigartige Kombination aus Straßenbahn und Standseilbahn. Sie überwindet die extreme Steigung mit Hilfe eines antriebslosen Schildwagens, der an einem Seil hängt und den Triebwagen auf einem Streckenabschnitt anschiebt, und sie fährt auf einer Panoramastrecke mit grandiosen Ausblicken auf Triest und den Golf.
Die turbulente Geschichte der Tram
Die Tram di Opicina wurde am 9. September 1902 triumphal eröffnet, als technisches Meisterwerk ihrer Zeit. Ursprünglich war sie als Zahnradbahn konzipiert mit zwei Zahnradlokomotiven. 1928 wurde sie auf das heutige System mit Seilanlage umgebaut. Im Lauf von über 120 Jahren ging die Tram durch viele Stillstand-Phasen, die prominenteste war die letzte: 9 Jahre außer Betrieb von 2016 bis Februar 2025, wegen eines Unfalls und nachfolgender Sanierung. Die Wiedereröffnung im Februar 2025 war für die Triestiner*innen ein emotionaler Moment, bis im Oktober 2025 das Zugseil riss und die Tram erneut zum Stehen kam.
Trieste Trasporti hat dann die ohnehin anstehende 5-jährige Revision vorgezogen, und ab 15. Januar 2026 liefen umfassende Arbeiten: Reparatur des Zugseils, Erneuerung der Oberleitung, neue Schienen zwischen Piazza Dalmazia und Casali, Revision der Standseilbahn-Mechanik. Auch die Endhaltestelle in Triest wurde verlegt: Sie heißt jetzt nicht mehr Piazza Oberdan, sondern Piazza Dalmazia. Seit 20. Juli 2026 fährt die Tram wieder.
Die Geschichte hatte einen turbulenten Start. Schon einen Monat nach der Eröffnung, am 10. Oktober 1902 um 7.03 Uhr, kam es zum ersten von zahlreichen Unfällen. Triebwagen Nummer 2 war um 6.42 Uhr in Opicina talwärts losgefahren. Auf den taunassen Schienen unterhalb von Cologna geriet er ins Rutschen, und die Sandstreuung brachte zu wenig auf die Gleise, weil der Behälter für die Handstreuung auf der falschen Plattform stand. Immer schneller rollte der Wagen durch die Station Scorcola, riss einen Oberleitungsmast um und krachte in die Ecke eines Wohnhauses. Die Bremsen selbst waren übrigens in Ordnung, das hat die Untersuchungskommission ausdrücklich festgehalten. Verletzt wurde nur einer, der Bremser Anton Sossich, der als Einziger im Wagen geblieben war. Und wäre der Wagen nicht genau dort entgleist, wäre er in einen entgegenkommenden Zug gefahren.
Die Triestiner haben den Vorfall in einem Lied verarbeitet, das bis heute jedes Kind in der Stadt kennt: El Tran de Opcina xe nato disgrazià, die Tram von Opicina ist mit Pech auf die Welt gekommen. Die bekannteste Aufnahme stammt von Lorenzo Pilat, und hörenswert ist sie immer noch, samt Warnsignal, das übrigens bis heute dasselbe ist. Hör einmal rein:
💡 Nachspiel nach 74 Jahren: 1976 wurde in genau diesem Haus der Fußboden erneuert. Unter den alten Steinen kam ein gelbes Blechschild zum Vorschein, mit der Aufschrift NON SPORGERSI, nicht hinauslehnen. Ein Stück von Triebwagen Nummer 2.
Trotz des holprigen Anfangs etablierte sich die Bahn. Die Flotte wuchs von sechs auf acht Lokomotiven, dazu kam ein geschlossener grauer Güterwagen.
Weil die Beförderungskapazität trotz Aufstockung nicht reichte, wurde die ursprüngliche Zahnradbahn durch eine Standseilbahn ersetzt. Das war am 26. April 1928. Die nächsten Modernisierungen kamen 1978, als die kastenförmigen Standseilbahnwagen durch neue mit kleiner Kabine für das Bedienpersonal ersetzt wurden, und 2005, als die Schildwagen durch ferngesteuerte Modelle ersetzt wurden, die der Fahrer des Triebwagens selbst bedient. Dass die Tram über 120 Jahre lang technisch immer wieder neu erfunden wurde, ist Teil ihrer Magie.
So fährt die Strecke
Etappe 1: Piazza Dalmazia bis Piazza Scorcola
Auf diesem Abschnitt ist die Tram eine ganz normale elektrische Straßenbahn. Bis zur Piazza Scorcola fährt sie mit Strom aus der Oberleitung. Dann beginnt der spannende Teil.
Etappe 2: Piazza Scorcola bis Vetta Scorcola
Hier kommt die Steigung von bis zu 26 Prozent ins Spiel: 160 Höhenmeter müssen auf 799 Metern Strecke überwunden werden. Und hier passiert das, was diese Bahn in ganz Europa einzigartig macht. Was da vor dem Triebwagen steht, sieht aus wie eine flache kleine Lokomotive, ist aber keine. Es ist ein antriebsloses Wägelchen, auf Italienisch carro scudo, also Schildwagen. Der Triebwagen wird nicht angekuppelt, er stellt sich einfach an das Schild an und wird von ihm geschoben.
Der Antrieb steckt gar nicht im Wägelchen, sondern unter den Gleisen in der Bergstation Vetta Scorcola. Von dort läuft ein Seil den Hang hinunter, und am anderen Ende hängt der zweite Schildwagen. Der wartet oben schon auf den Triebwagen, der gleich talwärts fahren will. Erst wenn beide in Position sind, wird die Anlage in Gang gesetzt: Der eine Wagen wird hinaufgeschoben, der andere gleichzeitig hinuntergelassen.
Wenn du nach vorne schaust, siehst du das Seil und die vielen Rollen, auf denen es geführt wird. Hast du eine Idee, warum es so viele sind? Genau, weil die Strecke nicht gerade, sondern kurvig ist und das Seil immer wieder umgelenkt werden muss. Die Schildwagen sind flach gebaut und befördern weder Reisende noch Personal noch Güter. So haben die Fahrer im Triebwagen freie Sicht über die ganze Strecke. Oben bei Vetta Scorcola fährt der Triebwagen einfach vom Schild weg und ist wieder eine ganz normale Straßenbahn.
Etappe 3: Vetta Scorcola bis Opicina
Wieder als normale Straßenbahn, aber mit den schönsten Panoramablicken der ganzen Strecke. Auf dem Standseilbahn-Abschnitt fährt die Bahn mit bis zu 12 km/h. Insgesamt dauert die Fahrt laut aktuellem Fahrplan 31 Minuten bergauf und 36 Minuten bergab, seit der Revision also spürbar länger als früher.
Was du in Opicina machen kannst
Der Obelisk

Zwei Stationen vor der Endstation in Opicina hält die Tram an der Station Obelisco. Hier findest du nicht nur ein beeindruckendes Monument, den Obelisk von Opicina, sondern auch einen atemberaubenden Panoramablick über den Golf von Triest. Der Obelisk wurde am 30. März 1839 eingeweiht, etwas später als geplant. Er hatte zweierlei Bedeutung: Zur Erinnerung an den Besuch von Kaiser Franz I. von Österreich, der für den 22. Oktober 1838 angesetzt war, und zur Erinnerung an die Eröffnung der neuen Verbindungsstraße zwischen Triest und dem österreichischen Hinterland am 31. Dezember 1830.
Im Vergleich zur ursprünglichen Straße von 1779 wurde die Steigung von 16 auf 4 Prozent reduziert. Da der Handel zwischen dem Freihafen Triest und dem Rest des Habsburgerreiches massiv zunahm, brauchte es einen einfacheren Transportweg, der mit der neuen Straße geschaffen wurde. Kaiser Franz I. war übrigens bis 1806 als Kaiser Franz II. der letzte Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und der Großvater von Kaiser Franz Josef. Aber das ist eine andere Geschichte 😉.
Das Park Hotel Obelisco – ein Haus mit Geschichte
Auf der anderen Straßenseite vom Obelisk steht ein Gebäude, dessen Geschichte bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Aktuell ist es mehr Baustelle als Sehenswürdigkeit, denn es wird an der Wiederbelebung gearbeitet, nachdem das Haus seit fast 40 Jahren leer steht. Ursprünglich war hier eine Gaststätte mit Ställen für Reisende, Postkutschenfahrer und kaiserliche Boten, bis daraus 1873 das Grand Hotel Obelisque wurde, in Anlehnung an den gegenüberliegenden Obelisken.
Der britische Entdecker Sir Richard Francis Burton soll hier in den ersten Monaten seiner Zeit in Triest Teile seiner Übersetzung von Tausendundeine Nacht geschrieben haben. Er war ein Weltenbummler, und selbst für ihn gab es hier die schönste Aussicht der Welt 🥰.
In den frühen 1900er Jahren wurde das Hotel als Kurort genutzt, als Schweiz an der Adria, für Atemwegserkrankungen und neurologische Leiden. In den 1970er Jahren erlebte es als Park Hotel Obelisco eine kurze Blütezeit als Hot Spot mit Partys, Swimmingpool und Tennisplätzen. 1985 schloss es endgültig und galt bis vor Kurzem als Lost Place. Aktuell wird es restauriert, geplant ist anscheinend ein neues 5-Sterne-Hotel.
Caffè Vatta
📍 Strada per Vienna, ein paar Schritte nach der Endstation
Ein paar Schritte nach der Endstation findest du links an der Straße das Caffè Vatta. Der Gambero Rosso, einer der angesehensten Restaurantführer Italiens, hat das Caffè Vatta als eine der besten Bars des Landes gekürt. Und zurecht, wie wir meinen 🤩. Hier hatten wir eines der besten Clubsandwich unseres Lebens, dazu sehr gute Süßspeisen und natürlich besten italienischen Kaffee. Besonders nice finden wir das pranzo veloce, eine schnelle, aber hochwertige Option fürs Mittagessen. Außerdem gibt es eine beeindruckende Auswahl von über 300 Weinen, auch aus dem Karst, und einen angrenzenden Shop mit lokalen Angeboten.
Strada Napoleonica
Direkt beim Obelisk in Opicina startet die Strada Napoleonica, ein flacher Wanderweg, der angeblich 1797 unter Napoleon angelegt wurde, aber gesichert ist diese Info nicht 😉. Der Weg bietet herrliche Ausblicke auf das Meer, Miramare und die Stadt. Wir haben ihm einen eigenen Beitrag gewidmet.
Monte Grisa als Verlängerung
Wenn du der Strada Napoleonica fast bis Prosecco folgst, kannst du nach der Kletterwand rechts hinauf zu Monte Grisa abbiegen, der quasi käseförmigen Wallfahrtskirche auf dem Bergrücken. Von dort entweder mit dem Bus zurückfahren oder wieder zu Fuß nach Opicina spazieren. Der Rundspaziergang ist nicht anstrengend und umfasst etwa 7 km.
Häufige Fragen zur Tram di Opicina
Fährt die Tram aktuell?
Ja. Seit 20. Juli 2026 ist die Linie 2 wieder in Betrieb, nach neun Monaten Pause wegen des gerissenen Zugseils und der anschließenden Revision. Sie startet in Triest vorerst an der Piazza Dalmazia und fährt alle 28 Minuten, von Montag bis Sonntag gleich. Erste Fahrt ab Opicina um 7.00 Uhr, letzte ab Piazza Dalmazia um 20.26 Uhr. Den aktuellen Fahrplan gibt es bei Trieste Trasporti.
Wie lange dauert die Fahrt von Triest nach Opicina?
Bergauf von der Piazza Dalmazia nach Opicina sind es 31 Minuten, bergab 36 Minuten. Auf dem Standseilbahn-Abschnitt zwischen Piazza Scorcola und Vetta Scorcola ist die Bahn mit ca. 12 km/h unterwegs. Vor der Revision war die Tram schneller, die längere Fahrzeit kommt von den neuen Sicherheitsauflagen.
Wo finde ich die Endhaltestelle in Triest?
Seit der Renovierung 2025/2026 heißt die Endstation in Triest Piazza Dalmazia (vorher Piazza Oberdan). Sie liegt direkt am Park Giardini Pubblici, nur wenige Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt.
Was kostet die Fahrt?
Die Tram ist Teil des öffentlichen Nahverkehrs (TPL FVG). Eine Einzelfahrkarte kostet 1,50 € (Stand 2026), es ist dasselbe Ticket wie für Bus und Boot.
Bekomme ich sicher einen Sitzplatz?
Seit der Wiedereröffnung gilt eine Auslastungsgrenze von 80 Prozent. Alle Sitzplätze dürfen besetzt werden, im Mittelgang stehen ist nicht mehr erlaubt. Wenn ein Wagen voll ist, heißt es also auf die nächste Fahrt warten. Bei schönem Wetter und am Wochenende lohnt es sich, ein paar Minuten früher an der Haltestelle zu sein.
Danke an einen aufmerksamen Leser für die Hinweise zur Unfallgeschichte von 1902 und zur Technik der Standseilbahn. Solche Zuschriften machen diesen Blog besser.
Triest auf eigene Faust entdecken
Du möchtest Triest mit Rätseln und Geschichten entdecken? Bei ixpirity haben wir digitale Schnitzeljagden gebaut, die dich selbstgeführt durch die Stadt führen. Sieben Städte: Triest, Muggia, Grado, Palmanova, Gorizia, Piran. Jede Tour 1,5 bis 2 Stunden, in fünf Sprachen.
